SINNvoll kommunizieren | mit Marcus Brien #02

Was bedeutet es eigentlich sinnvoll zu leben? Sinnvoll zu kommunizieren?

Dieser Frage bin ich heute gemeinsam mit Schauspielcoach und Dozent Marcus Brien auf den Grund gegangen. Er erläutert wie wir unsere Sinne bestmöglichst nutzen und für eine ganzheitlich, gelingende Kommunikation einsetzen können. Er ist Experte im Bereich des Schauspiels – darauf bezieht sich auch sein Ansatz. Super spannend! Klick‘ auf Play und los geht’s.



Unsere Sinneswahrnehmungen

Wenn wir von einem gesunden Menschen ausgehen, der alle Sinne an Bord hat, dann wären das der Sehsinn, der Tastsinn, der Hörsinn, der Geschmacksinn und der Geruchssinn.

Im Schauspiel gibt es eine noch spezifischere Unterteilung der einzelnen Sinne. Die Vorsilben der deutschen Sprache sind in diesem Fall sehr konkret und zeigen auf wieviele unterschiedliche Art und Weisen man seine Sinne einsetzen kann.

 

Unterteilung der einzelnen Sinne

 

an-sehen, zu-sehen, hin-sehen, hinein- und heraus-sehen, weg- und über-sehen

 

Das Ansehen tun wir tagtäglich, um z.B. zu vermeiden gegen eine Laterne zu laufen oder andere Menschen anzurempeln. Ich könnte an 20 Menschen innerhalb weniger Minuten vorbeilaufen und trotzdem nicht wissen, wem ich begegnet bin. Beim Zusehen schärft sich mein Blick und mein Denken verknüpft sich mit dem Sehsinn. Wenn ich sogar richtig hinsehe, fallen mir Merkmale an einer Person auf, die ich auf den ersten Blick gar nicht wahrgenommen hätte.  Dann bemerke ich den kleinen Muttermal am Kinn oder erkenne die genaue Augenfarbe. Es entsteht ein spezifisches Interesse. (Inter-esse heißt eigentlich nur „zwischen-sein“. Hier:  eine Spannung zwischen mir und einer anderen Person). Schaue ich sogar in die Person hinein, so wie es Verliebte oft tun, dann kann ich eventuell sogar den Gefühlszustand der Person heraussehen“. Wenn mir eine Sache peinlich ist oder ich keine Lust habe eine bestimmte Person zu begrüßen, kann ich aus Selbstschutz weg- oder übersehen. Aber nicht nur in unangenehmen Situationen kann ich wegsehen, sondern auch wenn ich jemanden absichtlich etwas „durchgehen“ lassen will.

Es gibt keine Wertung der einzelnen Sinneszustände!

Diese Vorsilben kann man auf alle Sinne übertragen. Dabei ist es von enormer Wichtigkeit zu wissen, dass ein Ansehen nicht schlechter ist als beispielsweise ein Hinsehen. Die Unterscheidungen werden getroffen, um zu zeigen, dass es überhaupt verschiedene Zustände gibt. Es wäre ja auch viel zu anstrengend für den Geist und in vielen Situation auch unpassend immer nur im Hinsehen zu verbleiben. Daher liegt hier keine Wertung vor!

Die Sinneswahrnehmungen sind die Grundbausteine für eine ganzheitlich, gelingende Kommunikation. Machst du sie dir bewusst, kannst du in unterschiedlichsten Situationen dementsprechend handeln und deine Sinne gezielt einsetzen.

Beispiel:

Du kommst in einen Raum und merkst sofort wie angespannt die Atmosphäre ist. Woran kann das liegen?

Sympathie und Antipathie liegen im Geruchssinn. Dieser  ist wiederum unweigerlich mit dem Geschmacksinn gekoppelt. Mach dir bewusst, wie die Situation dir „schmeckt“. Fühlst du dich wohl und entspannt? Oder schwebt da irgendetwas in der Luft, was so gar nicht locker ist? Beachte ganz genau, was du riechst. Riecht es süß? Säuerlich? Nach Schweiß? Du bemerkst es herrscht „dicke Luft“.

Du hast nun mehrere Möglichkeiten.

  1. Du machst auf der Stelle kehrt und verlässt den Raum.
  2. Du hälst es einfach aus und fühlst dich dabei unwohl (und alle anderen vielleicht auch).
  3. Du sagst, was du wahrnimmst. Oft reicht das Ansprechen deiner sinnlichen Wahrnehmung meist aus, um die Stimmung zu lockern. In etwa nach dem Motto: „Puh, mir ist ganz schön warm. Hättet ihr etwas dagegen, wenn ich das Fenster für kurze Zeit öffne?“ Ich wette, dass du auf Zuspruch stößt und dazu noch sympathisch wirkst, da du anderen Beteiligten auch einen Gefallen tust.
  4. Falls du der Situation nicht entkommen kannst und das Ansprechen der Situation unangemessen ist (voller Bus o.ä.), versuche ein Inter-esse aufzubauen. Interesse löst die meisten (innerlichen) Konflikte auf. Das hört sich vielleicht komisch an, aber versuche doch einmal nicht nur wahrzunehmen, dass dein Sitznachbar in der Bahn unangenehm riecht, sondern finde heraus wonach und warum. Ist es Schweiß? Alkohol? Zigarettenrauch? Essen? Außerdem kannst du kreativ werden und dir deine eigene Geschichte bauen. Wo war derjenige letzte Nacht? Was hatte er wohl zum Mittag? Deine Abwehrhaltung wird sich lösen und du kannst mit der Situation besser leben.

Inter-esse als Universalschlüssel

Interesse und Einfühlungsvermögen hilft nicht nur in geschilderten unausweichlichen Situationen, sondern kann auch in der Überzeugungsarbeit hilfreich sein. Wenn du beispielsweise in einem Geschäft an der Kasse arbeitest und Kunden von der neuen Kundenkarte überzeugen muss, dann hilft es zuallererst ein Interesse aufzubauen und dich in die Lage des Kunden zu versetzen. Dieser wird aus Erfahrung wohl genervt sein, wenn du ihm etwas „andrehen“ willst. Versuche es stattdessen mit: „Ich kenne das ja, überall wollen ’se einem irgendwelche Rabattkarten andrehen und mich nervt das auch immer total… Aber mit der XY-Kundenkarte habe ich selber schon so viele Vorteile gehabt, dass ich sie Ihnen wirklich nur empfehlen kann.“ Springt der Kunde darauf an, dann kannst du nun die grandiosen Vorteile dieser Kundenkarte vorstellen und bist mit Sicherheit erfolgreicher als zuvor.


Habe ich jetzt dein Interesse geweckt? Du möchstest wissen, wie du deine Sinne konkret trainieren kannst? Dann höre die die passende Podcastfolge zum Artikel an und checke die Website von meinem Interviewpartner Marcus Brien aus.

 

 

 


Marcus Brien: www.marcus-brien.de

Literaturempfehlungen:

Brooks, Charles V. W.: Erleben durch die Sinne. Paderborn: Junfermann, 1979.

Grunwald, Dr. Martin: Homo hapticus : Warum wir ohne Tastsinn nicht leben können. M: Droemer eBook, 2017.

Hauskeller, Michael: Atmosphären erleben. : Philosophische Untersuchungen zur Sinneswahrnehmung.. Berlin: Akademie Verlag GmbH, 1995.

 

 

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